Göttingen, Kamerun und der antikoloniale Widerstand (TEIL 3 – Humananthropologie, Astronomie und Rechtswissenschaft)

Humananthropologie


In Göttingen befinden sich Human Remains, d.h. menschliche Überreste von 10 Individuen aus Kamerun. Die Geschichte dieser menschlichen Überreste ist bisher ungeklärt. Oftmals wurden sie unter Anwendung von Gewalt und gegen den Willen der Angehörigen nach Deutschland gebracht.

In der Kolonialzeit und auch in der postkolonialen Zeit diente Forschung an Human Remains dazu, rassistische Ideologien zu stützen. Sie wurden aber auch in der Lehre verwendet – in Göttingen lernten Generationen von Studierenden die Anatomie des menschlichen Körpers an den Human Remains kennen.

Astronomie


Auch die Astronomie spielte eine wichtige Rolle für kolonialistische Bestrebungen. An der Göttinger Sternwarte wurden Kolonialoffiziere für sogenannte Grenzexpeditionen ausgebildet. Hier, in der Geismar Landstraße 11, bereiteten sich auch Hugo Marquardsen und Hermann Detzner für ihren Einsatz in Kamerun vor. Die gemeinsam mit den Briten durchgeführten Grenzexpeditionen waren äußerst brutal und zogen unter Nichtbeachtung und Unterdrückung der Lokalbevölkerung Grenzen, die oftmals bis heute fortbestehen. Diese willkürlich gezogenen Grenzen trennten lokale Gemeinschaften und stellten ein zentrales Herrschaftsinstrument der Kolonisatoren dar.

Rechtswissenschaft


Indirekt war auch die Rechtswissenschaft ein wichtiges Gebiet für die koloniale Expansion, denn das Studium dieser war in zahlreichen Fällen Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Laufbahn im Kolonialapparat.

Julius Scharlach studierte 1863 in Göttingen Rechtswissenschaften und war Mitglied des Corps Hannovera. Diese Studentenverbindung besteht bis heute in der Bürgerstraße 56/58. Das Studium ermöglichte Scharlach die Karriere als „einer der einflussreichsten deutschen Kolonialunternehmer“.

In Kamerun war er an der Gründung eines Unternehmens in der Kautschukproduktion beteiligt, welches zu großen Teilen auf Zwangsarbeit basierte. Kautschuk wurde v.a. in kolonialen Verhältnissen produziert und stellte eine zentrale Grundlage für die Industrialisierung und den Wohlstand in Deutschland dar. Die bis heute bestehende eklatante ökonomische Ungleichheit zwischen Globalem Norden und Süden basiert auf der kolonialen Vergangenheit.
Wilhelm Solf, welcher vermutlich ebenfalls Jura studierte, bildet eine weitere direkte Verbindung zum dem im Comic beschriebenen Widerstand der Douala. Solf taucht zwar im Comic nicht selbst auf, wird aber in den im Buch zum Comic in den Hintergrundinformationen erwähnt. Solf war als Kolonialstaatssekretär, der höchsten Position im Kolonialapparat, tätig, trieb in dieser Position die Enteignung der Douala voran, plädierte für Maßnahmen gegen Manga Bell und setzte diese schlussendlich durch.


Solf war wie Scharlach Mitglied einer Studentenverbindung. Die Landsmannschaft Verdensia besteht ebenfalls bis heute in der Theaterstraße 15.

Dass Solf hier eine besondere Stellung innehatte, wird auch daran deutlich, dass eine „Altherrenschaft“ nach ihm benannt wurde. Doch auch die Universität Göttingen ehrte Wilhelm Solf und verlieh ihm durch Beschluss der Theologischen Fakultät 1930 einen Ehrendoktortitel aufgrund seiner Arbeit „als Gouverneur von Samoa und als Leiter der deutschen Kolonialverwaltung“ in Bezug auf die Missionierung, wie es in der Begründung der Universität hieß. Ob die Ehrendoktorschaft oder die „Altherrenverbindung Wilhelm Solf“ bis heute bestehen, ist uns nicht bekannt.

Zusammenfassung
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Geschichte der Stadt Göttingen eng verflochten mit dem Kolonialismus in Kamerun ist, insbesondere in Bezug auf die Universität. Dass die universitären Strukturen und das Wissen auch auf unter kolonialer Unterdrückung basieren, wird bis heute kaum thematisiert. Zahlreiche Spuren in Göttingen lassen sich bis heute an verschiedenen Orten der Stadt finden – wie bspw. die Studentenverbindungen oder die Sternwarte.


In dieser Comic Ausstellung geht es aber um das Brechen des „weißen kolonialrassistischen Blicks“, um antikolonialen Widerstand und das Sichtbarmachen der lokalen Akteurinnen im Widerstand. Wir wollen daher nicht mit den Tätern enden. In all den eben beschriebenen Kontexten lassen sich Spuren des Widerstandes finden.

Teilweise fehlen uns die Namen, wie bspw. bei der nicht benannten Person, die auf der Grenzexpedition von Detzner als „Hetzer“ und Widerständler verfolgt und eingesperrt wurde. Auch das weitere Schicksal dieser Person ist unbekannt. In manchen Fällen finden wir Hinweise: wie bspw. in Bezug auf togolesische Arbeitsmigranten, die in den Kautschukplantagen von Scharlach arbeiteten und von einer Person namens FW Byll vertreten wurden. Sie organisierten einen Streik und protestierten gegen die Arbeitsverhältnisse. Mit Erfolg: die Deutschen stellten die Anwerbung togolesischer Arbeiterinnen für kamerunische Plantagen ein.


Der Comic und die Ausstellung bieten einen produktiven Ausgangspunkt, um über das koloniale Erbe auch hier in Göttingen ins Gespräch zu kommen und sich intensiv mit den globalen Ungleichheitsstrukturen, die bis heute fortwirken auseinanderzusetzen.

Von welchen kolonialen Verstrickungen weist du noch?

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